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Wissenschaftliche Arbeit: Legasthenie und Englisch

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Nachfolgend werden die Ursachen der Legasthenie dargestellt. Diese lassen sich unterteilen in genetische, neurobiologische, neuropsychologische und durch die Umwelt bestimmte Faktoren.

Genetische Ursachen

Man vermutete bereits sehr früh, dass die Legasthenie erbliche Faktoren haben könnte. Deswegen sprach man auch zwischenzeitig von "erblicher Wortblindheit". Dadurch dass die Gentechnik in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts große Fortschritte gemacht hat, konnten durch Stammbaumanalysen, Zwillingsforschungen und zuletzt durch die molekulare Gentechnik klare Indizien für eine genetische Disposition als Grundlage für eine Legasthenie gelegt werden. Dabei scheinen sich die entsprechenden Gene auf den Chromosomen 15 und 6 zu befinden. Erst 2005 wurde das Gen DCDC2 entdeckt, welches die Wanderung von Nervenzellen in das Sehzentrums des Gehirns steuern soll (Schumacher et. al. 2005). Sofern dieser Vorgang beeinträchtigt wird, dürften legasthene Menschen bereits durch diesen Gendefekt Probleme mit ihrer visuellen Wahrnehmung haben, auf was im nächsten Abschnitt eingegangen werden soll.




Neurobiologische Ursachen

Auf der neurobiologischen Ebene äußern sich bei einer Legasthenie Beeinträchtigungen der akustischen und visuellen Wahrnehmung.

Akustische Wahrnehmung: Basale Wahrnehmungsstörungen sind dafür verantwortlich, dass legasthene Menschen beispielweise schnell aufeinander folgende Töne oder Tonhöhen oft nicht korrekt unterscheiden können, sodass es ihnen verwehrt bleibt, eine normale phonologische Bewusstheit (siehe unter neuropsychologische Ursachen) ausbilden zu können. Auch durch bildgebende Verfahren sichtbar gemachte Hirnregionen eines Legasthenikers zeigen eine deutliche Unteraktivierung der Bereiche der akustischen Wahrnehmung im Vergleich zu einem Nicht-Legastheniker.

Visuelle Wahrnehmung: Lange Zeit wurde davon ausgegangen, dass Legastheniker Probleme mit der Bewegung ihrer Augen haben (Okulomotorik). Dies wurde mittlerweile widerlegt (Schulte-Körne 2002, S. 22-23) und erwiesen, dass lediglich die nervliche Steuerung der Augenbewegung (also nicht konkret der Muskulatur) anscheinend Auslöser dafür ist. Es wurde in diesem Zusammenhang festgestellt, dass leseschwache Kinder Sprache in kleineren Einheiten aufnehmen müssen, somit beim Lesen deutlich länger brauchen und ihnen dann meist bereits am Ende eines Satzes der Inhalt des Satzanfangs nicht mehr bewusst ist. Die mit der visuellen Wahrnehmung verbundene Raumwahrnehmung ist bei Legasthenikern ebenfalls defizitär und äußert sich z.B. beim Lesen durch ein Überspringen von Zeilen oder Wörtern. Auch hier im visuellen Bereich wurde eine Minderaktivierung bestimmter Hirnareale festgestellt.


Neuropsychologische Ursachen

Aus den neurobiologischen Beinträchtigungen im visuellen und akustischen Bereich ergeben sich neuropsychologisch weitere Schwierigkeiten:

Phonologische Bewusstheit: Hierunter versteht man das Erkennen und (sinnvolle) Verknüpfen der kleinsten, sprachlichen Einheiten, sogenannte Phoneme. Legastheniker haben beim Lesen und Schreiben Schwierigkeiten mit dem Durchführen dieser "lautanalytischen Aufgaben" (Schulte-Körne 2002, S. 20).
Benenngeschwindigkeit: Unter Benenngeschwindigkeit versteht man den Abruf von sprachlicher Information aus dem Langzeitgedächtnis - eine Fähigkeit, die bei Legasthenikern ebenfalls oft sehr schwach ausgeprägt ist. Gemeinsam mit einer Beeinträchtigung der phonologischen Bewusstheit ergibt sich so ein in sich verstärkender, doppelter Defizit ("Double Deficit"-Hypothese, Bowers & Wolf 2000).
Phonologisches Rekodieren: ... ist der Prozess, der hauptsächlich beim Lesen für das Verständnis der Wörter bzw. einzelner Laute (der "Code") verantwortlich ist. Beim Rekodieren wird dieser Code dann neu gespeichert bzw. mit der phonologischen Bewusstheit abgeglichen und liefert somit beim Leseprozess ein Ergebnis. Auch hier zeigen Legastheniker häufig Schwierigkeiten.

Aufmerksamkeit & Konzentration: Legastheniker zeigen - insbesondere bei Konfrontation mit Schriftsprache - eine verminderte Aufmerksamkeit und Aufnahmefähigkeit. Auch deshalb lässt sich bei Legasthenikern häufig die Aufmerksamkeitsdefizit-Störung feststellen.

Intelligenz: Per Definition zeigen Legastheniker Lese-/Rechtschreibschwächen bei mindestens durchschnittlicher Intelligenz. Dies ist also kein eindeutiges Kriterium für einen Legastheniker, wie früher vermutet wurde (Deimel 2002). Viele Legastheniker sind sogar Berühmtheiten, Nobelpreisträger o.ä. und zeigen durchaus überdurchschnittliche, kognitive Leistungen.


Umweltfaktoren

Unter Umweltfaktoren, die eine Legasthenie zusätzlich negativ beeinflussen und begünstigen können, zählen hauptsächlich soziale Einflüsse, welche Auswirkungen auf die Psyche des Kindes haben. So belasten allgemeine Schwierigkeiten in der Schule das Familienleben zuhause, welches unter Umständen wiederum negative Auswirkungen auf das Verhältnis eines Kindes zu Freunden haben kann. Eine Einbeziehung aller im Kreis des Kindes wirkenden Menschen sollte also eine Grundvoraussetzung für eine erfolgreiche Legasthenietherapie sein.
Zur sozialen Stellung wurde darüber hinaus in Studien zum Peergroup-Status von legasthenen Kindern festgestellt, dass diese eine höhere Rate aufweisen, unbeliebt und sozial zurückgewiesen zu sein im Vergleich zu einer Gruppe nicht legasthener Kinder (Solheim 1989, S. 37).


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Quellen/Literaturhinweise

Deimel, Wolfgang (2002). Diagnostik der Lese-Rechtschreibstörung. In: Schulte-Körne, Gerd (Hrsg.) (2002). Legasthenie: Zum aktuellen Stand der Ursachenforschung, der diagnostischen Methoden und der Förderkonzepte. Bochum: Dr. Dieter Winkler. S. 115-129. Für Infos hier klicken!

Schulte-Körne, Gerd (2002). Neurobiologie und Genetik der Lese-Rechtschreibstörung (Legasthenie). In: Schulte-Körne, Gerd (Hrsg.) (2002). Legasthenie: Zum aktuellen Stand der Ursachenforschung, der diagnostischen Methoden und der Förderkonzepte. Bochum: Dr. Dieter Winkler. S. 13-42. Für Infos hier klicken!

Schumacher, Johannes et al. (2005). Strong Genetic Evidence of DCDC2 as a Susceptibility Gene for Dyslexia. In: The American Journal of Human Genetics, 78, S. 52-62.

Solheim, R. (1989).
Socioemotional Characteristics. In: Gjessing, Hansjörgen/Karlsen, Bjorn (Hrsg.) (1989). A Longitudinal Study of Dyslexia: Bergen’s Multivariate Study of Children’s Learning Disabilities. New York: Springer. S. 36-58.